PORTRÄT

 
   
 

Batz ist einer der originellsten Archäologen dieser Stadt.

Er rückt ihren Geheimnissen mit zwei Mitteln zu Leibe: dem Theater und  dem Licht. 
„Michael Batz - Szenografie. Licht" - das steht auf seiner Visitenkarte.
„Szenografie" bedeutet: Er spielt Theater an Orten, an denen noch nie Theater gespielt wurde. „Licht" soll heißen: Er beleuchtet Winkel, die so noch nie beleuchtet wurden. 
Mit seinem Spiel vom Sterben Jedermanns hat er der Hamburger Speicherstadt neues Leben eingehaucht. Was 1994 begann und als einmaliges Projekt gedacht war, ist zu einer Konstante des Hamburger Lebens geworden. Seit 1999 glühen die schroffen Fassaden in einem sanften, weich übers Mauerrelief streifenden Licht.
Eine Idee von Michael Batz.
Der Theateraktionist und Dramatiker hatte ganz nebenbei einen neuen Beruf für sich entdeckt; er war zum Illuminator geworden, zum Erwecker öder Baumasse. 
Die Eleganz, mit der Batz das Steinmassiv der Speicherstadt in der Dunkelheit schweben lässt, verblüffte die Baudezernenten von nah und fern. Heute ist Batz „Lichtberater" etlicher Städte.  
Nachhaltige Belebung toter Winkel - das ist, in einem Begriff, das Programm des Michael Batz. Dazu gehört der Umgang mit dem Verdrängten. Für die Hamburger Bürgerschaft schreibt Batz jährlich ein neues Dokumentarstück über das Schicksal Hamburger Juden im Dritten Reich; es wird jeweils im Januar im Hamburger Rathaus uraufgeführt. 
Und dem Hamburger Wahrzeichen, der Michaeliskirche, schreibt er einen ganzen  Theaterzyklus auf den steinernen Leib. Zehn Portale hat der Michel. Für jedes Portal schreibt Batz ein eigenes Stück. Die Stücke werden sich thematisch dem Quartier zuwenden, auf welches das betreffende Portal sich öffnet, und spielend den ganzen Michel umkreisen.   
So öffnet dieser Theatermacher den Zuschauern immer neue Perspektiven, neue Blickachsen. „Mich faszinieren die Spiegelwelten, die Parallelwelten der Stadt", sagt Batz, „die will ich sichtbar machen." 

Peter Kümmel, DIE ZEIT
   

Der Philosoph des Lichts

Er hat die Speicherstadt aus ihrer Dunkelheit geholt, lässt den Berliner Reichstag in stiller Schönheit erstrahlen, und verwandelt unseren Hafen in einen »Blue Port«. Was denkt sich Michael Batz dabei?

So viel steht fest: Auch in diesem Jahr werden wieder Hunderttausende in den Hamburger Hafen strömen, wenn es gilt, ein ganz besonderes, stilles Spektakel zu bestaunen. Wie geheimnisvolle Requisiten eines Traumspiels leuchten dann Kaispeicher und Landungsbrücken, die Fischauktionshalle, die Kräne auf den Docks von Blohm & Voss und spiegeln sich, mit einer Vielzahl weiterer Objekte zu einem blauen Wunder vereint, im Wasser der Elbe. Geschaffen wird dieser magische Moment von dem Mann, der unsere Stadt schon seit Jahren in ein ganz besonderes Licht rückt: Michael Batz.

Spektakel? Das Wort provoziert den Schöpfer des »Blue Port«: »Ich will den Hafen nicht verraten, ich befrage ihn, suche durch Licht neue Bedeutungsebenen.« Der Lichtkünstler mit dem grauen Kräuselhaar will kein Event-Regisseur sein. Er ist ein Licht-Philosoph. »Licht macht nicht nur hell. Ausleuchten, Ausstrahlen, Überblenden – das sind doch nur Klischees«, sagt er und guckt ernst, »Licht muss einen Grund haben, eine Wahrheit. Mir geht es um Erkenntnis und Schönheit, um eine Qualität des Daseins.« Das Gegenteil von Spektakel also. Und eine Absage an die Schnelllebigkeit.

Dennoch war die Premiere seines »Blue Port« vor zwei Jahren ein gefeiertes Ereignis, die Hamburger Touristenaktion schlechthin. Immer lauter wird auch der Beifall für den »Hamburger Jedermann«. Michael Batz verfrachtete es 1994 in die Speicherstadt und gestaltete es in den folgenden Jahren in immer facettenreicherem Licht. Oder seine behutsam, ja liebevoll bestrahlte Speicherstadt – sie ist ein international gefeiertes Beleuchtungsprojekt, ein Vorbild urbaner Illumination. Auch oder weil Licht für Michael Batz nicht einfach eine technische Größe ist. Er berechnet nicht, er taucht in die Tiefe der Wahrnehmung, sucht Bilder: »Je weniger Licht, desto mehr sehe ich. Sehen ist ein Erkenntnisprozess«, behauptet er und lässt seinen Blick durch die Fenster seines Büros hinausgleiten, in die dämmernde Speicherstadt.

Vom »dunklen Tier«, das lange zwischen Hafen und Innenstadt lauerte, spricht er und erinnert sich an die frühere Düsternis der Speicherstadt, als sie noch im Abseits lag. Bis der Künstler-Philosoph 2001 ans Werk ging und Licht ins Dunkel brachte. Batz modellierte das Backstein-Ensemble der Gründerzeit mit fast 1.000 Lichtern. Er brachte Fleetbrücken, Giebel, Erker, Spitzdächer und Windhauben der neugotischen Industrie-Architektur dezent zum Sprechen. Er erreichte den »Triumph des schwachen Lichts«, das alles sichtbar macht: keramische Ornamente, die an den Fassaden hervorschimmern, schwarze und grüne Glasursteine, die im Streulicht aufblitzen. Batz arbeitete den Variantenreichtum von Giebeln und Erkern heraus, setzte zarte Lichtakzente an den Feuertürmen, die sich geheimnisvoll unscharf im Wasser der Fleete spiegeln. Immer weiter ergänzt und verfeinert er sein virtuoses Lichtspiel. Das ist dabei nicht mal teuer – auch umweltschonend: Die Lampen haben eine durchschnittliche Leuchtstärke von nur 24 Watt – weniger als die Leistung einer Nachttischlampe. Die Illumination der Speicherstadt verbraucht täglich etwa die gleiche Energie wie die städtische Beleuchtung einer einzigen Straße.

»Lichtplanung bedeutet Gestaltung, nicht Elektrifizierung«, sagt Michael Batz. Vor allem aber müsse Licht etwas über die Stadt erzählen, so dass die Menschen den öffentlichen Raum besser wahrnehmen. Er hat der urbanen Beleuchtung übrigens nicht nur in Hamburg entscheidende Impulse gegeben, sondern ist längst international gefragt. Batz gestaltete das historische Kaiviertel in Salzburg, den Marktplatz in Schwäbisch Hall, das Kölner Rheinufer, Schloss Bellevue in Berlin. Und im vergangenen Jahr, dem 60. Gründungsjahr der Bundesrepublik, setzte er den Berliner Reichstag ins rechte Licht. Ein Jahr hat Batz für Planung und Umsetzung gebraucht. Das zentrale Gebäude der deutschen Demokratie strahlt jetzt in stiller Schönheit.

Schon als Student in Marburg (Germanistik, Philosophie und Geschichte) entdeckte der gebürtige Hannoveraner, Jahrgang 1951, seine Leidenschaft für Licht, als er kurzfristig für einen Beleuchter im Theater einspringen musste. Seit 1976 lebt er in Hamburg, arbeitete als Dramaturg auf Kampnagel, schrieb Hörspiele, Theater- und Dokumentarstücke, kämpfte um Genehmigungen für erste Lichtprojekte. Beispielsweise am Alsterhaus. Dort wollte er, auf die Rückseite des Gebäudes, die Strophen eines Gedichts in weißer Schrift und ruhiger Abfolge projizieren und stieß auf Widerstand: »Neun Sondergenehmigungen musste ich einholen, für die zeitlich befristete Sondernutzung des öffentlichen Lichtraumes«, erzählt Batz und mokiert sich heute noch über diesen Genehmigungs-Irrsinn. Als er 1994 sein Lichtkonzept für die Speicherstadt vortrug, hörte er als Erstes: »Du spinnst.« Batz aber ließ sich nicht beirren und erreichte nach fünf Jahren (!) sein Ziel. In Shanghai sah er dann irgendwann leuchtende Mandarin-Hüte und andere chinesische Symbole auf Hausdächern. Da kam ihm die Idee, 2006 in Hamburg, dem Tor zur Welt, blau leuchtende Tore auf 175 Dächern zu installieren – und stieß auf Ablehnung. »Nur die Fußballweltmeisterschaft hat mein Projekt dann doch noch gerettet«, erinnert sich Batz, »dabei hatte ich nie an Fußballtore gedacht.«
Blau strahlten die »Blue Goals«, blau strahlt bald wieder der Hafen. Warum ausgerechnet blau? Die Antwort kommt prompt: »Blau ist pure Energie… ein Zitat der Kunst des 20. Jahrhunderts – von Picasso bis Yves Klein.« Und was kommt danach? »Ich bin kein Ankündigungskünstler«, sagt Michael Batz, »aber ich melde mich rechtzeitig, wenn es etwas Neues gibt.«

Der Hamburger 07/2010

 

  Gesamtkunstwerk Speicherstadt. Dem Theatermann und Licht-Künstler Michael Batz dienen die effektvoll illuminierten Fassaden als grandiose Kulisse für die Freilicht-Aufführungen seiner Jahr für Jahr aktualisierten Hamburger »Jedermann«-Version.
  Kulturstiftung der Länder
   
 

„Michael Batz arbeitet im klassischen Sinne des Wortes im Feld der Ästhetik. Die Ästhetik, die AISTHESIS, war den Griechen die Lehre und zugleich die Fähigkeit der Wahrnehmung.
Den ästhetischen, sozialen und geistigen Verengungen begegnet Michael Batz auf zweierlei Weise:
Zum einen bildkünstlerisch mit bestechenden Lichtarbeiten, phantastische Installationen, voller intuitiver und imaginativer Kraft und Ausstrahlung. Das ist mehr, als Städten Licht schenken. Es sind Akte der Erhellung, der Illumination der Köpfe und Herzen, magische Momente der „Erleuchtung“.
Zum anderen verdichtet Michael Batz diesen generellen ästhetischen Ansatz in zahlreichen Werken und Stücken zu Akten historischer Aufklärung: er bringt Licht ins Dunkel der Geschichte.

  Björn Engholm in seiner Laudatio anläßlich der Verleihung der Herbert-Wehner-Medaille am 26. November 2013
   
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